Peter I. Tschaikowsky - Klavierkonzert Nr. 1 b-moll op. 23
Aktualisiert: 26. Okt.
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Ist es das berühmteste aller romantischen Klavierkonzerte? Oder gebührt diese Krone doch eher dem 2. Konzert in c-moll von Rachmaninow? Und dann wären da ja noch Beethovens Nummer 5, die a-moll-Konzerte von Edward Grieg und Robert Schumann und nicht zuletzt das herrliche C-Dur-Konzert von Mozart mit der Nummer 21 als Anwärter auf den Thorn. Und dann wäre ja da auch noch Chopin ...! Welches davon den Spitzenplatz wirklich verdient, liegt, natürlich, an persönlichen Vorlieben. Aber auch, wenn diese Platzierung letztlich nicht wirklich allgemeingültig getroffen werden kann, hat der Tschaikowsky das Flair eines Prototypen dieser Königsklasse der sinfonischen Solokonzerte. Warum ich das so sehe?
Die Präsenz des Klavierparts, die eigenständige Kraft und Farbigkeit des Orchesters und das Zusammengehen beider im Dienste einer großen musikalischen Erzählung sind einfach überwältigend.
Der Stil der Musik trifft den Musikgeschmack auch derer, für die die beiden Klassiker Mozart und Beethoven in der Liste ein wenig zu klassisch sind.
Es ist in seiner Anlage und seiner ganzen Erscheinung größer angelegt als die beiden a-moll-Konzerte von Schumann und Grieg oder der Chopin und bringt nicht zuletzt wegen des, nicht nur unter Klavierkonzerten einzigartigen Beginns einen proklamierten Anspruch mit, der kaum zu toppen ist.
Die Eingängigkeit der Themen und die Klarheit der Gliederung machen es auch für ungeübte Klassik-Hörer sofort zu einem "HinHörer", während "Rach 2" (der Insider-Titel für das Rachmaninow-Konzert) in dieser Hinsicht deutlich anspruchsvoller ist.
Alle werden sie ihren Platz bekommen im TonBlog-KLassik-HörGuide. Versprochen.
Wenden wir uns heute also dem Tschaikowsky zu.
Tschaikowsky war 34 Jahre alt, als er es komponierte. Es hatte sofort großen Erfolg und kein Klavierkonzert wurde öfter aufgenommen als des andere Klavierkonzert.
Meine Empfehlung bezieht sich auf zwei Interpretationen, die so wunderbar unterschiedlich sind, dass es am Ende jedem selbst überlassen sein sollte, welche davon er oder sie am meisten mag.
Was sie aber gemeinsam haben: sie teilen eine Intensität, die der Komposition in höchstem Maße gerecht werden.
Als Zugabe gibt es zum Abschluss dieses Beitrags noch eine wirklich charmante Entdeckung, die ich während des Durchforstens des YouTube-Dschungels gemacht habe: Es finde sich nämlich zwei Aufzeichnungen, bei denen die selben Künstler (Pianistin und Dirigent) das Werk interpretieren - mit einem Zeitabstand von 40 (!) Jahren zwischen den beiden Aufnahmen. Lassen Sie sich überraschen!
1.
Alexander Malofeev, Klavier
Ivan Repušic, Dirigent
hr-Sinfonieorchester, 24. Oktober 2025
Was mich hier wirklich beeindruckt, ist die enorme Flexibilität, mit der der in Berlin lebende russische Pianist Alexander Malofeev die musikalischen Nuancen des Stückes auf eine Art ausreizt, die ich so ansonsten noch nie erlebt habe.
Die Unmittelbarkeit, mit der Ivan Repušic und das Orchester in jedem Augenblick bei ihm sind, lässt alles wie aus einem Guss erscheinen, bei dem beste Materialien zu einem perfekten Ganzen verschmelzen.
Ziemlich sicher entspricht das, was wir hier hören, nicht dem, was Tschaikowsky im Moment seines Komponierens im Kopf hatte.
Das wird gerader, konkreter gewesen sein ar in der Konsequenz der Tempi und auch in der dynamischen Gestaltung.
Aber kann man das wirklich wissen? Kann man nicht. Und genau das ist ja das große Glück, das wir haben!
Denn: was Musik ausmacht, ist die unendliche Vielfalt an Begegnunen eines niedergeschriebenen Werkes mit der ganz persönlichen Art und Weise, wie Musiker es lesen, auf sich wirken lassen, und es dann durch sich selbst und ihre ganze eigene Individualität wieder hervorbringen.
Erst durch das Zusammenspiel von Komposition und Musiker ensteht Interpretation.
Das noch so perfekte Abliefern der richtigen Töne ist lediglich eine "Pretation".
Das veröffentlichte Video lässt uns ganz dicht miterleben, wie der gerade einmal 24-jährige Alexander Malofeev die Musik förmlich "spricht" mit seinen Fingern auf den Tasten. Er erzählt uns diese berühmte Geschichte so individuell, dass wir sie aus seinem Munde hören, als würde sie gerade erst entstehen, als wäre es seine eigene. Wir dürfen davon ausgehen, dass ein großer Teil dessen, was wir hier hören, die Geschichte von Alexander Malofeev ist. BRAVO!
Khatia Buniatishvili, Klavier Klaus Mäkelä, Dirigent Orchestre de Paris, 2022
Die in der Schweiz lebende Georgierin Khatia Buniatishvili ist einer der ganz großen etablierten Stars am Pianistenhimmel.
Ihre Interpretationen sind geprägt von einer enormen positiven Ausstrahlung. So gelingt es ihr auch hier, jedem Moment eine Innigkeit zu verleihen, die noch dem kleinsten Ton seinen ganz eigenen Zauber zu entlockt.
Im letzten Satz wird bei ihr die Musik beinahe fröhlich, sie bekommt den etwas morbiden, tänzerischen Charme eines Ballsaales längst vergangener Zeiten. Eine kleine Verbeugung vor deme Komponisten der berühmten Ballette “Schwanensee” und “Nussknacker”.
Hier ist eine Passage aus diesem Satz mit Khatia Buniatishvili, die das sehr schön zeigt:
HINWEIS: Hören Sie in beiden Fällen etwa 20 Sekunden, bis die Musik wechselt zu erkennbar schnellen Läufen und einem neuen Charakter
Ganz anders wirkt die selbe Passage im folgenden Beispiel, wo es weniger wie ein Tanz als wie ein melancholisches Lied wirkt.
Vergleichen wir es. Bei Alexander Malofeev klingt das so:
In der Art, dieses Stück zu spielen, werden bei diesen beiden Aufnahmen immer wieder ähnliche Unterschiede finden.
Lassen Sie es einfach auf sich wirken und schauen Sie, wie Sie sich jeweils nach dem Anhören des ganzen Stückes fühlen.
Sie werden merken: es berührt Sie auf unterschiedliche Art.
Beide Aufführungen sind großartige Referenzen für dieses berühmte Klavierkonzert und zeigen, wie vielfältig die Art, mit Musik umzugehen, sein kann, ohne dass es dabei auch nur ansatzweise um besser oder schlechter geht.
Zm Abschluss gibt es aber, wie angekündigt, noch eine wirkliche Besonderheit
Etwas dieser Art findet sich nicht oft auf YouTube und es verschafft uns ein außergewöhnliches Erlebnis mit zwei wunderbaren Künstlern:
Martha Argerich als Pianistin und Charles Dutoit als Dirigent
Wir erleben sie einmal 1975 mit dem Orchestre de la Suisse Romande und einmal 2014 mit dem Verbier Festival Orchestra.
Beinahe 40 Jahre liegen zwischen diesen Aufführungen
Wir hören eine legendäre Pianistin dabei, wie Sie sich Beginn ihrer Karriere dieses Meisterwerkes annimmt. Und dann können wir erleben, wie das selbe Werk durch ein außergewöhnliches Künstlerleben mit all den gemachten Erfahrungen und dem sich Hineinvertiefen in diese Musik geprägt wird.
Es ist erkennbar die selbe Persönlichkeit, die da in einen Dialog mit der Musik Tschaikowskys tritt! Und das auch noch gemeinsam mit dem selben Dirigenten ...
Hier ist die Aufnahme von 1975:
Und hier jene von 2014:
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